Ich kaue immer noch den Wilden Messias von Frost und Hirsch. Sie suchen den beunruhigenden, verunsichernden, Verwirrung stiftenden, unbekannten Jesus, der alllein unser Leben, unsere Gemeinde und unsere christlichen Organisationen erneuern kann. Ähnlich einem alten Klaus-Vollmer-Satz heißt es im Buch: Zeige mir deinen Jesus und ich sage dir, wer du bist. Das stimmt, denn wir haben alle so unsere Geschichte - mit uns selber und mit Jesus. Dabei kommt es darauf an, dieses Bild nicht nur in unser Leben zu integrieren, indem wir unser Bild von Jesus vor unseren Karren spannen - das ist eigentlich verrückt, aber wie oft gelingt es scheinbar. Vielmehr kommt es darauf an, unser Jesusbild zu hinterfragen. Im Buch werden dann ein paar klassische Bilder angeboten: Die bärtige Jesus-Frau (also der Jesus, der eindeutig europäische Züge trägt, super aussieht und auch feminine Züge hat), der geisterhafte Jesus (das geistige Wesen aus einer anderen, geistigen Welt), der gewöhnliche Mann aus Galiläa (der sehr menschlich ist, der Geschichtenerzähler von nebenan), der Revolutionär (Als Che Guevara), ganz Mensch, ganz Gott (im sinne des christologischen Dogmas). Im Laufe der Jahrhunderte und in den verschiedenen Kulturräumen finden wir ganz unterschiedliche Bilder von Jesus. Halten müssen wir uns dann freilich an den Jesus, den uns die Evangelien verkünden (siehe Weißenborn: Geheimnis der Hoffnung. S. 185 ff.).
Hinreißend die Nacherzählung im Wilden Messias, als Jesus dem von einer Legion Dämonen besessenen Man bei Gadara begegnet: Zielgerichtet sucht Jesus diesen einen Menschen auf! Jesus weicht dem Konflikt nicht aus, weder mit den Dämonen noch mit den heidnischen Bewohnern, deren Schweineherde im See ersäuft. Der wilde Mann muss bleiben, er wird die Menschen an das Geschehene erinnern, dass da einer war, der noch wilder und unerschrockener war, der sich den Mächten entgegenstellte. "Um den wirklichen Jesus in die Kirche zu bringen, müssen wir zu dem wagemutigen, radikalen, fremdartigen, wundervollen, unerklärlichen, unaufhaltsdamen, sagenhaften, beunruhigenden, nervenden, fürsorglichen, kraftvollen Gott-Mensch zurückkehren."
Mir scheint, dass wir immer unser Bild von Jesus behalten, das wird beim wilden Mann in Gadara nicht anders gewesen sein: Die Befreiung von der Fremdbestimmung durch die Legion Teufel wird er nie vergessen und immer mit Jesus verbinden. Jesus tritt in unser Leben - und es ändert sich alles. Diesen Moment, diese Befreiung, diese Horizonterweiterung, diese Ermutigung und Heilung, diese erfahrende Zuwendung und Liebe vergessen wir nie. Und damit bleibt unser Bild von Jesus mit uns verbunden. Und dennoch lernen wir ihn besser kennen, wenn wir in dieser Beziehung zu ihm leben und bleiben. Das ist ja in jeder Beziehung so - sie lebt von den Begegnungenn und gemeinsamen Erfahrungen, die wir so miteinander machen! Je länger ich Christ bin, desto mehr entdecke ich, wie viel "mein Erolg" eigentlich "sein Handeln" ist. Das gibt mir eine große Dankbarkeit, bringt mich immer wieder neu ins Staunen und Anbeten. Mit Jesus kannste wirklich was erleben. Unser mbs legt davon reichlich Zeugnis ab: Hier wirken viele zusammen, die mit Jesus unterwegs sind - und das Zusammenwirken erlebe ich manchmal wie ein großes Orchester, das am Ende ein klangvolles etwas hervorbringt. Weil wir Menschen sind, menschelt es natürlich meist, aber Jesus scheint mir wie ein großer Dirigent, der seine Truppe zusammen hält.
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